Ich bekam eine Mail von Shukran Muda und die brachte mich auf die Idee, über sie zu berichten.  Sie ist eine anerkannte, bekannte Schriftstellerin des Balkanraumes, eine stille, beeindruckende Persönlichkeit.  Ihren Lebensweg und ihr Dennoch bewundere ich sehr. Ihre Gedichte berühren mich, in ihnen offenbart sich ihre Seele.

Beim 1. Internationalen Schriftstellertreffen auf Nordzypern lernte ich sie, die albanische Schriftstellerin Shukran Muda kennen, die unter dem Namen Shane Muda veröffentlicht. Sie war außer mir die einzige weibliche Teilnehmerin, die anreiste.

Durch ihren Lebensweg geprägt, war Shukran zurückhaltend, schaute stets  prüfend.  Doch die Poesie verbindet – irgendwann waren wir im Gespräch.

Shukran Muda wurde mit ihren Eltern als 3-Jährige in den Gulag Gradistha verschleppt. Dort wuchs sie unter ärgsten Bedingungen und größtem Hunger auf. Sie besuchte die 5-jährige Grundschule, im Anschluss daran die  Klassen der höheren Schule in kilometerweit entfernten Dörfern. Den Weg dorthin ging sie täglich, in dürftiger Kleidung und oftmals ausgeliehenen Gummistiefeln, hungernd und ewig müde – ohne jemals im Unterricht zu fehlen.

Nach  17 Jahren wurde die Familie aus dem Gulag entlassen. Man  verfrachtete sie an eine Eisenbahnbaustelle, wo sie weiter in ärmsten Verhältnissen lebten. Als der Vater in die Nervenheilanstalt kam und dort starb, lastete die ganze Bürde der Familie auf Shukrans Schultern.

Shukran erzählte mir, dass der ständige Hunger das Schlimmste war. Ebenso schlimm waren die angewiderten Blicke des Gegenübers auf ihre Armut. Sie hat gelitten.

Von diesen Erlebnissen sind die Gedichte geprägt.

Dr. Lazer Radi schreibt im Nachwort ihres Buches: „All ihre Gedichte sind in einem Firnis aus Melancholie gehüllt, aus einem leichten Protest, der eher wie eine delikate Rüge eines lebensgeprüften Mädchens klingt. Die Dichtung Shane Mudas ist ein Schwur auf eine bessere Zukunft… „

Am letzten Tag unserer Begegnung  schenkte sie mir  ihre Kette.

Wir reisten zurück im gleichen Flugzeug. In Istanbuld trennten sich unsere Wege.

Dort  nahm sie mich beim Abschied in den Arm und sagte das, was ich dachte und nicht mutig genug war, es zu auszusprechen: „Bye Sister“.

Hin und wieder schreiben wir uns eine kleine Mail. Wir möchten einander verbunden bleiben.

Ihr Buch “Noch ein Lied für die Hoffnung”, in dem ihre Gedichte von Robert Schwarz ins Deutsche übersetzt wurden, erschien zweisprachig 2000 bei Shtepia Botuese “Liria” in Tirane. 

Und hier einige Gedichte von Shukran (Shane) Muda: 

Sage die Wahrheit 

Sage die Wahrheit!

Jemand wird dir doch zur Seite stehen!

Es kann wohl sein, er ist weit entfernt und hört dich nicht,

es kann wohl sein, er ist bereits auf dem Weg zu dir..

Doch Du sollst sie sagen,

sage sie nur,

auch wenn man sich, Bestien gleich

auf dich stürzt!

Sage die Wahrheit!

Sie holt uns ein

Auch nach Jahrhunderten

In der Erde der Toten! 

-

Meine Wurzeln 

Es gibt eine Schwelle,

aus der die kaum erwachten Hoffnungen

dahin stapfen, auf der Suche nach Glück,

und sie kehren abends zurück

mit leeren Händen

und werden

zum gebückten Kummerwort,

zu düsteren Wolken,

zu Stirnfalten,

zu Nächten mit schattenumrahmten Augen,

in denen sich das Elend zusammenkauert,

wie ein erschrockener Säugling

an des Mutters Brust,

und der Hunger mit den Zähnen klappert –

Und dies sind meine Wurzeln. 

Hierbleiben werde ich,

auf dieser Scholle,

wo auch ein Steinchen,

ein Staubkörnchen in der Luft,

Tausende von kummervollen Schmerzen,

Tausende von trauernden Herzen

In sich birgt. 

Ich werde hierbleiben!

Was der Mensch und die Liebe verlassen,

das stirbt ab,

verwandelt sich in tränende Augen.

Nicht verzeihen wird mir die Zeit

den abgewandten Rücken –

und ich will, dass mich der Tod

schuldenfrei erreicht. 

Ich werde hierbleiben!

Soeben ist der Morgen angebrochen:

Ich muss den Samen der Liebe säen

In die von der Treue verlassenen Wörter. 

Ein Versprechen an meine Schwestern 

Ich werde euch Schuhe bringen

für die bloßen Füße,einen Garten

für eure aufgeschreckten Träume,

und einen gedeckten Tisch,

an dem man euch die Bissen

nicht abzählen wird. 

Der Unterschied

Manchmal möchte ich herausfinden,

ob mein Gesicht

schöner ist als das eines Hundes,

und ob meine Haut

mehr wert ist als die seine:

Deshalb werde ich nicht bellen

dort, wo man mir zu essen gibt.

Alle Gedichte: © Shane Muda (Nachdichtung Robert Schwartz).

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